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web-blog.netUsability Inside.

21.08.2007

Mousetracking und Eyetracking

Ein Blick, ein Klick: Erst gucken, dann klicken.

scoreberlin hat mit »Attention Analytics« ein Usability-Verfahren zur Analyse der Aufmerksamkeit entwickelt, das umfassenden Einblick in die Informationsverarbeitung und das Verhalten von Nutzern gewährleistet. Das Verfahren, welches Mousetracking und Eyetracking miteinander kombiniert, eignet sich hauptsächlich zur Design- und Prozessoptimierung, da es in der Lage ist, Kausalketten aufzuspüren, die zu Nutzer-Abbrüchen führen können.

Von Screenreadern und Braillezeilen mal abgesehen: Geklickt wird nur, was auch gesehen wurde. Oft taucht aber die Frage auf: Gibt es eine signifikante Korrelation zwischen Maus- und Augenbewegung? Die Antwort ist jein. Zwar erfährt die Maus als wichtige Schnittstelle zwischen Mensch und Anwendung enorme Bedeutung. Mausaktivität ist auf Websites jedoch bei weitem nicht so ausgeprägt wie das Blickverhalten. Dies liegt hauptsächlich in der Tatsache begründet, dass die Mausbewegung der Informationsverarbeitung nachgelagert ist: erst sehen, dann klicken.

Wann bewegt sich die Maus wohin?

Während des Informationsverarbeitungsprozesses, beim Scannen und Lesen, in Phasen schwebender Aufmerksamkeit beobachtet man die Maus häufig in Ruheposition, nicht selten im rechten Drittel des Browserfensters (außerhalb des Aufmerksamkeitsfokus', nahe am Scrollbalken). Anders verhält es sich in Phasen der Klickentscheidung: Je stärker klickbare Elemente in den Aufmerksamkeitsfokus geraten, umso kürzer verharrt die Maus im Ruhemodus. Im Übergang von schwebender zu selektiver Aufmerksamkeit bewegt sich die träge Maus häufig asynchron zu den schnellen Blickpositionen. Und je fokussierter die Aufmerksamkeit auf (scheinbar) klickbaren Elementen verweilt, umso wahrscheinlicher wird die Maus ebenfalls dorthin bewegt.

Zusammenfassend würde ich die eingangs gestellte Frage beantworten: Die Beziehung zwischen Augen- und Mausbewegung ist fundamental. Daher ergibt die methodische, oft aufgeworfene Gegenüberstellung »Eyetracking vs. Mousetracking« für mich gar keinen Sinn. In Bezug auf Web Usability und Web Application Usability sind beide Methoden erst in der Kombination richtig stark. Eyetracking-Analysen verraten uns, was Nutzer wahrgenommen, gesehen, überflogen, gelesen haben, was sie ignorierten oder für unwichtig hielten. Wir erfahren, was ihre Aufmerksamkeit erregt hat, sehen, was für sie von Interesse war.

Mousetracking erst mit Eyetracking richtig stark

Die darauf basierende Entscheidung zum Klick kann jedoch nur erfragt werden. Hier setzt die Mausverfolgung an. Mousetracking veranschaulicht, welche Wege die Maus zurückgelegt hat (Mousepath), auf welche Elemente die Nutzer geklickt haben (Clickspots) – und auf welche nicht. Mausverläufe und Clickspots alleine lassen noch keine Rückschlüsse auf Wahrnehmung, Motivation und erst recht nicht auf das Verhalten zu. Erst in Verbindung mit vorausgehenden Blickverläufen (Sakkaden und Fixationen) werden Klickentscheidungen nachvollziehbar und verständlich. Mit qualitativen Methoden wie beispielsweise Think-Aloud erhalten wir Einblick in das subjektive Erleben.

Screenshot Mousepath Screenshot Clickspots
Mousepath (links) und Clickspots: Linien visualisieren die Mausbewegung, ein runder Kreis signalisiert jeden Klick. Clickspots veranschaulichen, welche Links am häufigsten oder gar nicht angeklickt wurden.

Als Einzelmethoden zur Usability-Evaluation und -Optimierung eingesetzt, lassen Eyetracking und Mousetracking für sich allein zuviele Fragen offen. Die Kombination von Eyetracking mit Mousetracking öffnet neue Dimensionen in der Aufmerksamkeits- und Wirkungsanalyse. Aus den entstehenden Datenclustern können Zusammenhänge abgeleitet werden, die uns auf Ursachen, Wirkungen und Entscheidungen rückschließen lassen (Attention Analytics). Sowohl Navigations- und Klickentscheidungen als auch Sessionabbrüche werden nachvollziehbar und verständlich. Damit eignet sich das Verfahren insbesondere zur Design- und Prozessoptimierung, da es unter anderem diejenigen Korrelationen und Kausalketten aufspürt, die zu Nutzer-Abbrüchen führen können.

Danke für die Aufmerksamkeit ;) Mehr Details demnächst.

Marcus Völkel | 21.08.07 | Usability | Trackbacks: 0 |

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12.07.2007

Morae 2.0.1: Works with Windows Vista

Update auf Morae 2.0.1 veröffentlicht

Inhaber eines entsprechenden Supportvertrags (Maintenance Agreement fka Essential Plan), die beim Start einer Morae-2-Komponente den Upgrade-Check durchführen, erhalten ab sofort ein Software-Update auf Morae 2.0.1. Hauptsächlich bringt dieses Update die Windows-Vista-Kompatibilität mit sich. Aber neben einigen Bugfixes gibt es auch andere interessante Neuerungen:

Morae 2.0.1 Update:

Marcus Völkel | 12.07.07 | Usability | Trackbacks: 0 |

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25.03.2007

Morae 2.0 und Windows Vista

Fragen zu Morae 2.0

Ist Morae 2.0 kompatibel zu Windows Vista?

Ursprünglich war ja der Launch von Morae 2.0 ein wenig früher angelegt. Mittlerweile ist jedoch Morae nicht die einzige Software, die nicht kompatibel zu Windows Vista ist. In den aktuellen Versionen (Morae 1.3 und 2.0) ist Morae 2.0 nicht Vista-kompatibel. Dies betrifft derzeit insbesondere Morae Manager. Ab Version 2.0.1 soll Morae auch unter Windows Vista genauso gut laufen wie unter Windows XP. Für Morae 1.3 wird voraussichtlich kein Patch zur Verfügung gestellt. Morae 2.0.1 wird zum Ende des zweiten Quartals erwartet. Frühestens dann wird es auch Support zu Morae unter Vista geben.

Marcus Völkel | 25.03.07 | Usability | Trackbacks: 0 |

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07.03.2007

Morae 2.0

Usability-Testing ganz neu

TechSmith's Morae fehlt heutzutage in keinem Usability-Lab. Die Usability-Software-Suite macht die Durchführung und Analyse von Usability-Tests so einfach und schnell wie nie zuvor. Mit Morae 2.0 will TechSmith das Usability-Testing neu definieren. Hier ein kleiner Ausblick:

Neues Feature: Definition und Speicherung eigener Metriken und automatisierte quantitative Analyse.

Neues Feature: Nun können quantitative Ergebnisse in Morae visualisiert werden. Die Diagramme können via Morae Manager direkt in die Highlight-Videos eingebunden oder als Grafiken zur Weiterverarbeitung aus Manager exportiert werden.



Neues Feature: Nachbefragungs-Tool (Satisfaction Survey). Endlich ist die Nachbefragung in den Morae-Prozess einbezogen worden: In Morae 2.0 ist eine Befragungs-Software integriert, die individuell auf unterschiedliche Befragungstypen angepasst werden kann.

Neues Feature: Definition von Tasks in Morae 2.0. Tasks können nun direkt in Morae angelegt und definiert werden. Die Taskliste ist während der Aufzeichnung direkt zugänglich – und die Aufzeichnungen enthalten nach dem Abspeichern die Tasks als »Segments« (die man bislang manuell markieren musste).

Neues Feature: Alle gesetzten Marker sind nun in einem Log während der Aufzeichnung im Morae Observer (bisher Remote Viewer) in einem eigenen Fenster zugänglich. Marker können editiert werden, zusätzliche Notizen können hinzugefügt werden, alles on-the-fly. Beobachtungen und Notizen können direkt priorisiert und bewertet werden (Severity Rating).

Neu: Remote Viewer heißt jetzt Observer. Den bisherigen 6-8-Sekunden-Delay von Live-Aufzeichnung bis Übertragung zum Remote Viewer gibt es in Observer nicht mehr: Bildschirminhalt, Mausbewegungen und Probanden-Video werden jetzt ohne jegliche Verzögerung in Echtzeit in den Beobachtungsraum übertragen.

Neu: Markers of Interest können im Analyzer direkt in der Video-Timeline angezoomt werden – besonders interessant, wenn mal ein Proband voller Marker ist...

Und es gibt noch mehr schicke Hotkeys...

Morae 2.0 kann ab sofort bei uns vorbestellt werden, exklusiv nur bei scoreberlin mit und ohne deutschsprachigen Support und mit 300,00 Euro Preisvorteil! Kunden, die Morae 1.3 innerhalb der letzten 12 Monate bei uns erworben haben, erhalten selbstredend ein Gratis-Upgrade auf Morae 2.0. Lieferbar als Box ab ca. April 2007.

Ach ja: Morae läuft mittlerweile mit allen Komponenten fantastisch auf meinem MacBook Pro unter OS X innerhalb einer Parallels-Windows-XP-Installation...

Marcus Völkel | 07.03.07 | Usability | Trackbacks: 0 |

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17.08.2006

TechSmith's Morae auf MacBook Pro

Unobtrusive: Mobile Usability Lab

Seit gestern liefert Apples Bootcamp auch die Treiber für die interne iSight mit. Ein Grund, Windows XP Professional auf meinem MacBook Pro zu installieren. Wird die interne iSight tatsächlich erkannt? Läuft die Usability-Suite Morae auf dem MBP? Schaffe ich es, ein mobiles Usability-Lab in Apple-Hardware zu integrieren?

Kurze Rede, hier der Sinn: Ja! In Zukunft muss ich kein Flightcase mehr mitschleppen, in dem neben einem Tischmikrofon und einer externen Kamera auch noch ein ThinkPad und ein Powerbook transportiert werden müssen. Mein mobiles Lab läuft auf einem Apple MacBook Pro 2,16 GHz mit 2 GB RAM, das ich quasi immer dabei habe. Die ATI Radeon x1600 ist mit ihren 256 MB VRAM bestens ausgerüstet. Morae läuft extrem flüssig und schnell. Auch die Bluetooth Mighty Mouse wird einwandfrei erkannt, keine Probleme mit dem Scrollball oder Rechtsklicks.

Besonders angenehme Effekte: Ich habe nun ein ubiquitäres Usability-Lab-To-Go in meiner kleinen Tasche und kann quasi jeden als Probanden an den Mac setzen, der mir über den Weg läuft. Und die integrierte iSight ist nicht nur winzig und absolut unauffällig, sie macht auch noch qualitativ hochwertigere Aufnahmen als beispielsweise die Logitech Quickcam Pro 5000, die wir bisherigen Morae-Usern als Webcam empfehlen.

In OS X schließlich wird die Windows-XP-Partition als Festplatte gemountet. Nun kann ich die Videos auf dem Mac weiter bearbeiten. So verfüge ich von vornherein über sämtliche Daten auf einer einzigen Maschine, was nicht nur immens Zeit und Nerven spart. Fazit: Nun müssen auch Mac-User nicht mehr auf TechSmith's Morae verzichten. Mein MBP hat sein Upgrade zum »unobtrusive mobile usability lab« erfolgreich absolviert und ist dadurch unersetzlich für mich geworden.

Marcus Völkel | 17.08.06 | Usability | Trackbacks: 0 |

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06.08.2006

Buchvorstellung: Barrierefreies Webdesign

»Attraktive Websites zugänglich gestalten« von Angie Radtke und Michael Charlier

Angie Radtke und Dr. Michael Charlier haben bei Addison-Wesley (Pearson) ein Buch über »Barrierefreies Webdesign« veröffentlicht. Ich hatte die Ehre und die Freude, das Buchprojekt von Anfang bis Ende als Berater und Fachlektor zu begleiten. Das war ein schöner Job, den ich im Rückblick mit viel Kopfzerbrechen, Spaß und langen Nächten verbinde. Zum Schluss war der Zeitdruck hoch, alles ging sehr schnell, und plötzlich liegt das Buch vor mir.

Die beiden Autoren sind sicher den meisten ein Begriff, die sich mit Webstandards und Accessibility beschäftigen: Angie Radtke engagiert sich maßgeblich im Joomla! Design and Accessibility Team für die Verbesserung der Zugänglichkeit des beliebten CMS; Michael Charlier ist ein Urgestein des deutschen Netzjournalismus', Betreiber der größten deutschen CSS-Mailingliste und zweifacher BIENE-Award-Preisträger.

Ja, es ist schon wieder ein Buch mit einem Schon-wieder-Titel, aber natürlich ist dies auch ein ganz anderes Buch mit einem ganz eigenen, gar nicht trockenen Ansatz. Es ist weder eine Einführung für Anfänger, noch richtet es sich ausschließlich an Web-Spezialisten. Zielgruppe sind neben Webentwicklern, die nicht wissen, wie sie die oft sehr pauschal vorgetragenen Anforderungen nach Barrierefreiheit erfüllen können, auch Projektleiter, die in Behörden und Unternehmen für den Relaunch oder die Neukonzeption einer Website verantwortlich sind.

Eine der größten Stärken des Buchs ist es meiner Meinung nach, dass der Praxisbezug nie aus den Augen verloren wird. Die oftmals sehr theoretischen Sachverhalte und Einzelaspekte aus verschiedensten Fachbereichen bringen die Autoren immer verständlich und angenehm unaufgeregt auf den Punkt. Dazu wird im Buch ein Webprojekt einer fiktiven Gemeinde von Anfang bis Ende durchgespielt: Aus einem barrierenbehafteten Tabellenlayout wird eine barrierefreie, frische und attraktive Website aus der Taufe gehoben. Der Leser wird zum aktiven Teil eines Workshops, der den Bogen von der Analyse übers Redesign bis hin zum barrierefreien Relaunch spannt und dabei neben den Anforderungen der BITV immer auch zukunftsfähige, praktikable Webstandards im einen und die Nutzer mit ihren unterschiedlichen Erwartungen im anderen Auge hat.

Weitere Kritik will ich anderen überlassen; Eva Papst stellt das Buch bei WAI-Austria vor; Stefan Blanz veröffentlicht in der kommenden Ausgabe des PHP-Magazins eine Rezension. Wahrscheinlich stehen auch schon bald die ersten Kritiken bei Amazon.de, wo das Buch ab sofort erhältlich ist: Barrierefreies Webdesign, Addison-Wesley, ISBN 3827323797, ca. 300 Seiten, 39,95 Euro.

Marcus Völkel | 06.08.06 | Accessibility | Trackbacks: 0 |

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03.07.2006

Web2.0 und Extreme Usability

Präsentation: XU/UX im agilen Entwicklungsprozess

Neulich habe ich bei einem Kunden einen launigen Kurzvortrag über »Extreme Usability« (XU) und User Experience (UX) in der agilen Web-Entwicklung gehalten. Die Präsentation, die ich dafür gebastelt habe, kann man sich jetzt als PDF (2,5 MB) oder Quicktime-Movie (2,8 MB) ansehen.

Rapid/Agile/Extreme Usability bedient sich (agilen Methoden nicht unähnlich) an bewährten Best-Practice-Beispielen. Das Gebiet ist sehr jung und es gibt noch nicht viel darüber zu lesen. Der Begriff entstand aus der Kombination von Usability und Extreme Programming (XP). XU beschreibt ein Verfahren, das Usability und verwandte Methoden in iterativ-agile Entwicklungsprozesse integriert. Usabiliteers werden dabei in die beteiligten Teams nach Art des Extreme Programming (XP) eingebunden; sprich fachübergreifend, interdisziplinär werden alle Beteiligten in alle Prozesse involviert.

Ich weiß nicht, inwieweit die Präsentation verständlich ist für jemanden, der nicht anwesend war, da einige Folien ohne Audiospur doch etwas aus dem Zusammenhang gerissen wirken könnten. Der englische Text (eventuell bald auch auf deutsch) ist kurz, einfach und leicht verdaulich. Die Entwickler bei diesem Kunden kommen aus der Agile-Development-Ecke und arbeiten an einigen Web2.0-Projekten. Nun wird überlegt, wie Usability und echte User in agile Prozesse integriert werden können. Wie iterative Usability-Tests alltagstauglich und bezahlbar und extern und schnell durchgeführt werden können. Der Vortrag gibt darauf keine pauschale Antwort, sondern zeigt mögliche und pragmatische Lösungswege aus dem theoretischen und akademischen Teufelskreis: Als Praktiker und Usabiliteer meine ich, man muss kein Methoden-Know-how haben, um sie penibel einzuhalten, sondern um beurteilen zu können, wann und wo man den methodisch vorgezeichneten Weg verlässt. Tiefes Methodenwissen hilft natürlich ungemein dabei, nicht unstrukturiert vorzugehen und organisatorische Fehler sowie konzeptionelle Unsicherheiten zu vermeiden.

Fernab traditioneller Methoden und Normen (in dem Zusammenhang drängt sich ISO 13407 förmlich auf, wobei sich XU mehr als Philosophie denn Verfahren darstellt) verlangt Usability2.0 schließlich nach nutzerzentrierten Ansätzen, die die Anforderungen berücksichtigen, welche neue Technologien und Produkte ihren Anwendern abverlangen: Technologies change, so do users. »Extreme Usability« schließt mit der intensiven Einbeziehung echter Nutzer die Lücke der »unbekannten Variable« im agilen Entwicklungsprozess.

Marcus Völkel | 03.07.06 | Usability | Trackbacks: 0 |

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25.06.2006

Webride-Usability: Das Personas-Modell

Die Applikation gehört deinen Usern

Read this article in English at the Webride blog: Webride Usability: The Personas Model.

Nutzerorientierung ist toll. Sie hat aber auch ihre Tücken. Beispielsweise konzentriert man sich schnell auf die Nutzer, die man persönlich kennt. Oder die, die am aktivsten sind. Oder auf eine Idealfigur, die es in der Realität gar nicht gibt. Oder eine statistische Größe, die von allen Nutzern etwas hat, aber mit keinem mehr übereinstimmt. Oder man verlässt sich einfach auf seinen gesunden Menschenverstand. Um irgendwann festzustellen, dass echte Anwender ganz eigene Merkmale und Eigenschaften mit sich bringen. Oops.

Bei Webride haben wir uns gesagt: »Toll, wir kennen einige unserer User.« Aber eben nur einige – und die gehören mehrheitlich zur Gruppe der »Early Adopters« aka Geeks. Viele derer, die sich registriert haben, haben noch nie ein Posting geschweige denn einen Kommentar von sich gegeben. Viele derer, die Webride als Zielgruppe anvisiert hat, gehören auch dazu. Und schließlich: Hey, Webride ist gerade einen Monat online.

Um sich »Nutzerorientierung« nicht nur auf die Fahnen zu schreiben, sollte man also seine Nutzer kennen. Eine Methode, die uns unseren Anwendern näher bringt, ist die Erstellung von »Personas«. Dieses Modell hat die UID-Koryphäe Alan Cooper 1983 während seiner täglichen Mittags-Spaziergänge erfunden (»while my computer chugged away compiling the source code«) und in den Neunzigern weiter entwickelt.

Zielgruppe vs. echte Nutzer

Personas sind Nutzer-Archetypen. Personas helfen allen Projektbeteiligten, vom Entwickler und Designer über das Projektmanagement und Marketing bis hin zur Geschäftsführung. Kurz gesagt helfen sie dabei, eine detailliertere Vorstellung davon zu haben, für wen konkret man eigentlich eine Applikation entwickelt. Diese Vorstellung, die Kenntnis seiner Nutzer, ist eine Voraussetzung sowohl für die effiziente Entwicklung als auch den Erfolg eines Produkts.

Ohne Personas kommt man recht schnell in die Verlegenheit, zwar seine Zielgruppen beschreiben zu können, hinterher jedoch keineswegs schlauer zu sein darüber, wer eigentlich die echten Nutzer sind. Die Falle schnappt schnell zu: Entweder man konzentriert sich schnell auf die, die am aktivsten sind (um im Community-Beispiel zu bleiben): Blöderweise sind das in der Regel selten mehr als fünf Prozent. Oder man konzentriert sich auf eine möglichst breite, anonyme Gruppe: Eine klasse Entscheidung, wenn man möglichst sicher »am Markt« vorbei entwickeln will (mal von Accessibility-Aspekten abgesehen).

Wesentlich einfacher, effizienter und erfolgversprechender ist es, stattdessen nur für gezielt wenige Personen zu entwickeln (und so tatsächlich eine breite Gruppe zu erreichen). Hier setzen Personas an.

Was würde wohl mein Dad dazu sagen?

Arash Yalpani setzt dieses Modell intuitiv schon seit langem ein. Im Rahmen eines Projektes erklärte er mir im Sommer 2005: »Usability ist für mich extrem wichtig, mir steht jedoch kein teures Usability-Lab zur Verfügung. Ich helfe mir daher damit, dass ich mir vorstelle, mein Vater müsste mit meiner Anwendung arbeiten. Er kennt sich nicht gut aus mit dem Web; meine Schlussfolgerung lautet daher: Wenn mein Vater das bedienen kann, können andere das auch.«

Man kann sich das gut vorstellen: Wenn man hinter zwei Neunzehn-Zöllern verborgen eine Zeile Code nach der anderen in den Rechner hackt, holt einen eine einzige, kleine Frage schnell auf den Boden zurück: »Was würde wohl mein Dad dazu sagen?«

Personas sind, wie Arashs Dad, lebendig und bei der Entwicklung allgegenwärtig. Sie unterscheiden sich von Arashs Dad lediglich darin, dass sie:

Personas gehen tiefer

Herkömmliche Zielgruppenbeschreibungen liefern lediglich Cluster von Merkmalen und Dimensionen. Sie berücksichtigen Statistiken, berechnete Nutzermeinungen und soziodemografische Aspekte. Tatsächlich können sie damit nur Gruppen umreißen. Personas gehen einen Schritt weiter, eine Dimension tiefer: Sie gewähren Einblick in psycho- und technografische Daten, Erwartungen, Ziele und Verhalten der Nutzer.

Und darin sind wir uns einig: Je mehr Wissen wir über Nutzungsszenarien und darüber haben, was unsere Nutzer von unserer Anwendung erwarten und sich von ihr wünschen, umso einfacher können wir für sie entwickeln. Denn die Applikation gehört unseren Nutzern. Niemandem sonst.

Personas helfen Webride bei der Entwicklung und scoreberlin beim Usability-Testing. In den kommenden Tagen stellen wir die drei virtuellen Personas von Webride im Einzelnen vor und fragen uns: Was würden wohl Daniel, Hanna und Alex von Webride halten?

Weitere Informationen zu Personas:

Dieser Artikel gehört zur Reihe »Usability2.0 für Webride.org«. Weitere Beiträge aus dieser Reihe:

Marcus Völkel | 25.06.06 | Usability | Trackbacks: 0 |

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20.06.2006

Usability2.0 für Webride.org

Webride ist das Web2.0-Upgrade für jede Website.

Zu den spannendsten und intelligentesten Web2.0-Applikationen der letzten Zeit gehört in meinen Augen Webride – Discuss the Web. Webride (Public Beta seit drei Wochen) kombiniert den Foren- und Kommentargedanken mit High-Class-Tagging: Jede denkbare Webseite wie beispielsweise ein Blogposting, ein Newsartikel oder eine statische Webpage lässt sich mittels Webride in einen Frame auf der rechten Bildschirmseite einbinden und auf der linken Seite kommentieren und taggen. Und nicht nur das: Websitebetreiber können Webride mit drei Zeilen Code auch selbst einbinden, so dass nicht nur direkt auf der Webseite diskutiert werden kann, sondern simultan auch in der Webride-Community. Zugespitzt könnte man also formulieren: Webride ist das Web2.0-Upgrade für jede Website.

Beispielszenarien sind vielfältig: Man kann mehr Leser und somit mehr Diskussionsvielfalt erreichen, indem man seine Kommentare auch der Webride-Community öffnet. Man kann Kommentare in Webseiten einbinden, die keine offenen Feedbackmöglichkeiten bieten. Entwickler oder Designer können sich in frühen Phasen austauschen und Feedback erhalten. Der Hit bei all den Kommentaren ist natürlich, dass man an einer einzigen Stelle über all seine Kommentare und Diskussionen den Überblick behält.

Ausprobieren? Einfach diesen Beitrag in Webride öffnen, und schon kommentiert der geneigte Leser nicht mehr nur in einer »quasi-geschlossenen« Umgebung.

Webride ist natürlich auch Social Web und Network Community. Man kann nicht nur sehen, wer ähnliche Interessen hat, ähnlich gut aussieht, ähnlich intelligent ist und ähnliche Tags wie man selbst setzt, man kann auch festlegen, wen man gar nicht mag, weil er/sie beispielsweise besser aussieht oder intelligenter ist ;)

Usability: Eyetracking für Webride

Und die Usability? Das Interface ist mächtig AJAXified und dürfte dabei den derzeitigen State-of-the-Art abbilden. Mit der Usability hapert es an einigen Stellen ein wenig, und das Design steht noch am Anfang. Ein kleines, talentiertes Team (Arash Yalpani hat eine Menge Softwareprojekte auf dem Zettel, Prix-Ars-Electronica-Preisträger Oliver Specht spezialisiert sich auf Communities) hat sich ein halbes Jahr an die Entwicklung von Webride gesetzt, und es ist noch kein Ende in Sicht: »Usability first. We spend more than 50% of our development time on examining and testing the user experience and repeatedly revising implementation until we meet user expectations. There's a lot of room for improvement.«

Stichwort User Experience und User Centered Design, hier komme ich mit scoreberlin ins Spiel, denn Webride setzt auf »Extreme Usability Testing« (XU). Neben Nutzerbefragungen in unserem Usability-Lab testen wir das Webride-Interface, neue Designs und Prozesse mittels Eyetracking und erarbeiten Optimierungsmöglichkeiten. In After-Test-Workshops diskutieren wir die gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse und setzen sie direkt um.

Unser Plan ist es, den kompletten Prozess zu dokumentieren. Einen Teil der Ergebnisse, insbesondere die Blickverläufe, Heatmaps, einige Videos und Workshop-Scribbles stellen wir zeitnah im Webride-Blog online und stellen sie dort zur Diskussion. In den kommenden Tagen beginnen wir mit der Startseite und dem Registrierungsprozess (Signup). Ich hoffe, dass das für einige Leser genauso spannend wird wie für uns!


Blickverläufe (Scanpaths) während der 15-sekündigen Erstkontaktphase (worum geht es hier?) und während des Registrierungsversuchs. Obwohl auf der Intro-Seite gleich viermal ein Signup-Link auftaucht, wird er erst nach 45 Sekunden und fast 80 Fixationen gefunden. (Bilder zum Vergrößern anklicken.)


Heatmaps während der Erstkontaktphase und des Registrierungsversuchs. (Bilder zum Vergrößern anklicken.)

Eyetracking-Videos ansehen

Signup-Prozess, 45 Sekunden:

Scanpath-Video 45 Sekunden Registrierungsversuch (Quicktime, 4,45 MB).


Erstkontakt, 15 Sekunden Überblick:

Scanpath-Video 15 Sekunden Erstkontakt (Quicktime, 2,23 MB).

Weiterlesen: Usability2.0 für Webride.org.

Marcus Völkel | 20.06.06 | Usability | Trackbacks: 1 |

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10.06.2006

Eyetracking und Web2.0-Usability

Web2.0 User Experience in der Digital Attention Economy

Mein Artikel über die Methode, Eyetracking mit qualitativem Usability-Testing mittels Morae zu kombinieren, ist als Case Study auf der TechSmith-Website (englisch) veröffentlicht worden. Die Rückmeldungen sind allesamt positiv und interessiert. So weiß ich mittlerweile, dass neuerdings diese Methode in leicht abgewandelter Form in Googles Usability-Lab eingesetzt wird; auch einige Universitäten haben schon reagiert. Dieses Wochenende werde ich versuchen, die Mails zu beantworten, die mich bislang zu diesem Thema erreichten.

Die Möglichkeiten modernen Eyetrackings scheinen im Bewusstsein der Usabiliteers angekommen zu sein – auch wenn sich einige Usability-Professionals selbst 2006 noch auf Argumente aus den Neunzigern versteifen, weshalb Eyetracking keine praktikable Lösung sei. Dass es sich mit Eyetracking nicht um die Lösung, sondern um ein Werkzeug im Methoden-Mix handelt (und dort eine gewaltig große Lücke stopft), wird dabei geflissentlich ignoriert oder verdrängt. It's a tool, not the solution.

Wie sehr gerade Rapid Development und Flash-, AJAX- oder Web2.0-Entwickler, -Designer und -Betreiber von dieser komplexen Methode profitieren, möchte ich demnächst (vielleicht auf einem lokalen WebMontag?) vorstellen. Gerade Themen wie Web2.0 in Verbindung mit Accessibility werfen nicht nur neue Fragen auf, sondern öffnen in meinen Augen auch neue Spannungsfelder zwischen Usability, User Centered Design und User Experience.

Spaß, Joy-of-Use, Hedonismus, Ästhetik und Nutzerakzeptanz erhalten auf Web2.0-Plattformen mehr Gewicht als jemals zuvor. Dort, wo Web1.0-Strukturen und die Page-Impression-Denke verlassen worden sind, sollten sich auch Usability-Ansätze und altbewährte Konventionen neu orientieren: weg von zeitfressenden, teuren und realitätsfernen Verfahren, hin zu pragmatischen, prozessorientierten Real-Time-Ansätzen. Agile Lösungen, die qualitative, quantitative und apparative Methoden kombinieren, können dabei helfen. Und je eher sich die nutzerorientierte »Digital Attention Economy« mit der bislang eher introvertierten Web2.0-Entwicklergemeinde vermählt, umso besser.

Marcus Völkel | 10.06.06 | Usability | Trackbacks: 0 |

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23.05.2006

Usability-Diplomarbeit

Redesign eines Webauftritts mit Hilfe von Usability Testing

Im Sommer 2003 verwies ich auf Nils Römelings Diplomarbeit über das Redesign eines Webauftritts. Diese Arbeit steht nun kostenlos zum Download bereit: Römeling, Nils, Usability im www. Redesign eines Webauftritts mit Hilfe von Usability Testing. Diplomarbeit (Note 1,5) an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg unter Prof. Dr. Armin Günther am Lehrstuhl für Psychologie II; PDF, 212 Seiten.

Marcus Völkel | 23.05.06 | Usability | Trackbacks: 0 |

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15.05.2006

Usability-Tests und Eyetracking

TechSmith's Morae im Usability-Lab.

Blickverlauf Heatmap, Dichteverteilung
Links: Blickverlauf eines Probanden. Rechts: Blickdichteverteilung einer Probandengruppe. (Bilder zum Vergrößern anklicken.)

Innerhalb kürzester Zeit hat die Usability-Software Morae viele große und kleine Usability-Labs erobert. Auch in Verbindung mit Eyetracking lässt sie sich einsetzen – simultan und in Echtzeit. Die Vorteile: Quantitatives Eyetracking und qualitative Einzelinterviews werden in einer einzigen Session gemeinsam durchgeführt. Anwesende Designer, Entwickler und Projektbeteiligte haben direkten Einblick in die komplette »User Experience«. Direkt nach dem Test können Kunden erste Findings untersuchen und Videos auswerten. Es sind weniger Probanden notwendig, die Projektkosten sind niedriger, die Analyse und Auswertungsphase führt zu konkreteren und tieferen Ergebnissen. Usability-Testing war in technischer Hinsicht noch nie so unkompliziert und effizient.

In einer kleinen »Case Study« beschreibe ich, wie das funktioniert. Videos gibt's auch dazu. Den Artikel gibt's auf deutsch und englisch:
Usability-Tests und Eyetracking mit Morae (deutsch)
Usability Tests and Eye Tracking With Morae (english).

Eyetracking-Echtzeit-Video ansehen: Der grüne Punkt visualisiert den Blickverlauf, der gelbe Punkt die Maus. Ein Mausklick wird mit einem roten Dreieck signalisiert. Im unteren Bereich wird das Probandenvideo eingeblendet.

MOV 4,1 MB | WMV 1,4 MB

Eyetracking-Video ansehen: In diesem Film sieht man den Blickverlauf (Scanpath) inklusive Sakkaden und Fixationen (Blickverweildauer). Je größer der Kreis, desto länger fixieren die Augen den Bereich. Aus diesen Daten wird die Aufmerksamkeit berechnet und visualisiert; man sieht eine Aufmerksamkeitslandschaft, gefolgt von Heatmaps.

Quicktime MOV 6,9 MB | Windows Media WMV 1,1 MB

Marcus Völkel | 15.05.06 | Usability | Trackbacks: 1 |

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