Gleichberechtigung? Erst ab 2010.
Frauen arbeiten, Männer spielen
Heute hatte ich ein Belegexemplar des iBusiness ExecutiveSummary vom HighText-Verlag in der Post: Vor wenigen Wochen hatte mich iBusiness-Redakteurin Nicole Comtesse neben Dr. Martina Manhartsberger (Interface Consult), Thomas Mergen, Miriam Yom (eResult) und Evelyne Wrobbel (Lycos) zum Thema Geschlechterspezifische Websites interviewt. Unter anderem wollte Frau Comtesse von mir wissen, ob es hinsichtlich der Usability Unterschiede gibt, wie prinzipielle Frauen- und Männerthemen aufbereitet werden – und ob es überhaupt geschlechterspezifische Unterschiede gibt.
(Hinweis: Dies ist nicht der Artikel, sondern lediglich meine Antworten ein wenig zusammengebloggt – siehe unten!)
Immer mehr Frauen online
Die europäischen Frauen holen auf im Web: Mittlerweile sind 42 Prozent aller Online-Nutzer weiblich (D: 41 Prozent, USA: 51 Prozent). Aber es wird noch bis 2010 dauern, bis es eine zahlenmäßige Gleichberechtigung im Netz gibt. Dies behauptet die Studie »European Women on the Web«, die vorgestern von Nielsen//NetRatings vorgelegt wurde. Nielsen-Analyst Tom Ewing erklärt:
Das Internet wird noch immer als eine Männer-Domäne wahrgenommen. Das muss sich ändern, da immer mehr Websites ein wachsendes weibliches Publikum gewinnen wollen.

Deutschland fast Schlusslicht: Erst 41 Prozent der deutschen Internetnutzer sind weiblich. Ihre Anzahl nimmt zwar langsam, aber regelmäßig zu. Das Web ist keine Männderdomäne mehr.
Vernachlässigung von Usability wird teuer
Ändern sollte sich auch der Blick von Betreiber-Seite auf die männlichen und weiblichen Zielgruppen. Denn dort, wo der Fokus sich auf Funktionalität festlegt, werden Interface und Benutzbarkeit zu schnell vernachlässigt. Wo die Zielgruppe nicht ganz konkret umrissen wird (wie beispielsweise in einem Portal), da wird immer wieder mehr Wert auf Funktionalität gelegt als auf die zielgruppengerechte Ansprache. Gerne schiebt man das dann mit Totschlagargumenten beiseite: »Auf das Design unseres CMS haben wir intern keinen Einfluss« oder »Unsere Redakteure müssen die Texte schnell freischalten, dazu haben wir ja ein CMS.«
Ausschlaggebend für dieses Fehlverhalten sind fehlende konkrete Anforderungen und daher auch kein Budget für Usability-Maßnahmen. An die anschließenden hohen Support-Kosten, mangelhafte Produktivität und die teuren bis schwer umsetzbaren Nachbesserungen wird nicht gedacht. Wer heute noch irrtümlich glaubt, für Usability reichen einmalig 10 bis 15 Prozent des Web-Etats aus, der muss morgen schon wieder neues Budget beantragen, weil die messbaren Erfolge ausbleiben. Big mistake!
Coole Männer, verspielte Frauen?
Schlimm wird es, wenn in der Konzeption in unzutreffenden Schubladen und Klischees gedacht wird. Werbetreibende überlegen sich zwar ziemlich genau, was sie wo schalten. Offenbar wird aber sehr pauschal gearbeitet à la: Männerwelt = cool, kurz, knackig, sachlich, rational; Frauenwelt = verspielt, lebensfroh, sinnlich und emotional.
Das Interessante ist, dass unterschiedlichste Usability-Untersuchungen belegen, dass das Surfverhalten genau umgekehrt ist: Frauen orientieren sich an Text-Inhalten, Männer an Grafiken (das drücke ich jetzt an dieser Stelle absichtlich so global aus; alles andere würde zu weit führen). An der Farbgebung kann man schon erkennnen, wer angesprochen werden soll ;-)
Männer und Frauen könnten also noch gezielter, noch besser, noch effizienter angesprochen, erreicht und aktiviert werden. Bislang aber stehen nicht die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, sondern der Mensch als informationsverarbeitendes Wesen im Mittelpunkt – zumal es sehr wenig wissenschaftlich fundierte Aussagen über geschlechtsspezifisches Verhalten im Web gibt. Die Neuigkeiten darüber machen eher deshalb von sich reden, weil sie das Gegenteil dessen behaupten, was gerade eben anscheinend als »abgesicherte Erkenntnis« veröffentlicht wurde.
Als gesichert kann man Ergebnisse aus der Gehirnforschung einstufen, die die genderspezifische Informationsverarbeitung untersucht. Die kommt zum Ergebnis, dass Frauen beispielsweise bei sprachlichen Leistungen Vorteile gegenüber Männern haben. Die wiederum sind eher visuell-räumlich orientiert. Das erklärt, warum wir gerade in Usability-Tests immer wieder feststellen, dass Männer erst einmal auf alles klicken, was bunt, farblich oder fotografisch ist, während Frauen zielstrebig auf der Suche nach klaren Informationen sind.
Alles in einen Topf
Schaut man sich Websites und Portale an, die beide Geschlechter ansprechen, sieht man schnell, was falsch gemacht wird: Entweder werden alle Zielgruppen in einen Topf geschmissen (wir haben ja auch nur ein CMS), oder man denkt in Klischees: Frauen verspielt, warme Farben; Männer kühl-sachlich, knackig, kurz und cool.
Interessant aber ist eben, dass das Surfverhalten grundlegend anders ist: Frauen orientieren sich nämlich ganz nüchtern auf der Suche nach Fakten an Texten und in der Navigation, Männer eher an Grafiken und räumlicher Unterteilung (über zuviel Text wird sich gerne beschwert). Nur in der Online-Werbung gelten andere Gesetze: Um Stickyness zu erzielen und einen Klickdrang zu erzeugen, reagieren Männer stärker auf rationale Adjektive wie sicher, bequem oder nützlich. Frauen werden stärker aktiviert mit Gesichtern (vorwiegend von Kindern oder »ganz normalen Frauen«) und mit metaphorischen, bildhaften Wörtern à la bezaubernd, glänzen Sie oder traumhafte Strände etc. Allerdings: Je höher die User Experience, umso stärker ist die Banner Blindness ausgeprägt.
Fazit
Die heutige Web-Konzeption geht oftmals an den echten Nutzerbedürfnissen vorbei und orientiert sich an teils veraltetem Wissen, teils eigener Meinung. Dass das nicht der richtige Weg sein kann, zeigen die immer kürzer werdenden Relaunch-Zyklen vor allem von Portalen (siehe Lycos, Otto). Ständige interne, iterative Usability-Tests (Beispiel Google, Amazon) werden noch immer zu selten genutzt. Usability-Spezialanbieter, eine intelligente Projektmethodik und mess- und nachweisbare Erfolge werden daher immer wichtiger. (Und das ist gut so.)
Was ich gerne mal machen würde: Bookmarks von Frauen und Männern vergleichen. Ich bin mir fast sicher, dass sich in den Bookmarks von Frauen mehr unterschiedliche, unique Seiten befinden, während in Männer-Bookmarks viele Seiten mit gleichen Inhalten zu finden sind. Das wäre mal eine Untersuchung wert, oder?
Nachtrag: Leider darf der Artikel, auf den ich mich beziehe, nicht öffentlich wiedergegeben werden (das iBusiness ExecutiveSummary wird nur für Premium-Mitglieder herausgegeben). Wer den kompletten Artikel »Frauen arbeiten, Männer spielen« von Nicole Comtesse (iBusiness ExecutiveSummary, Ausgabe 10/Juni 2003) vollständig (4 Seiten) lesen möchte, kann das gerne tun und mir eine E-Mail mit Postadresse schreiben. Angebot gilt nur, solange Vorrat reicht ;-)
[Update: 01.07., 18:20 Uhr] Leider sind keine Exemplare mehr vorhanden. Danke für das Interesse!
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...(sozial) erwünscht. (Außerdem unterscheiden sich hier sehr wesentlich Männer von Frauen. Aber das ist ein anderes Thema.)Also mal ein paar unfertige Gedanken zur technischen Seite.Gerade in den Köpfen von Werbern spukt häufig die Idee herum, Usability-Labs ...
(14.02.2005 | 22:37)
Kommentare
Auszüge aus dem Interview finden sich übrigens hier.
Ich habe eine Beobachtung gemacht, die diese Ansicht bestätigt:
Meine Website wird vorwiegend von jungen Frauen besucht.
Dort werden textbasierte Werbelinks wesentlich häufiger angeklickt als Banner oder Buttons.
Hallo Markus,
mich würden die vier Seiten sehr interessieren. Kannst du mir den Text schicken? Wäre nett von dir....
Herzliche Grüße
Cordula
Schoen was man mit Grafiken/Diagrammen alles machen kann.
Eigentlich sagt die Grafik ja aus, dass von den deutschen Internetusern 41 % Frauen sind.
Aber mit dem geeigneten Text darunter werden es ploetzlich: 41 % aller deutschen Frauen sind online.
Zitat:"Deutschland fast Schlusslicht: Erst 41 Prozent der Frauen sind online."
P.S. Habt ihr diese Seite schon mal in Netscape 4.7x angeschaut?
Hallo,
ich hätte gerne den Artikel. Kannst du mir den
zuschicken? Das wäre super, danke!
Gruß
Ruth
Es stimmt, Frauen arbeiten viel textbasierter. Sie lesen ja generell mehr als Männer, wie wir auch an unserer Buchversand-Kundenstatistik feststellen können. Daher haben wir unsere Homepage klar textorientiert gestaltet. Bunte Bildchen sind nur für Kinder (und Männer ;-) ).
Frank Schwanitz (Buchquelle.de)
Bookmarks von Frauen und Männern - das würd mich auch mal interessieren ;-)schreibst du mir, wenn jmd oder gar du selbst was dazu gemacht hat?
danke ;-)shalom
interessant. :)
Hallo,
das hört sich superinteressant an. Ich, als Frau, gehe ja auch nicht deshalb auf Seiten weil sie rosa sind, sondern weil dort meine Interessengebiete vertreten sind. Leider sehen das viele Webdesigner anders.
Ich hätte auch supergern den Artikel. Kannst Du mir den bitte mailen?
VIELEN DANK!
Gruß, Anja
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