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Webride-Usability: Das Personas-Modell

Die Applikation gehört deinen Usern

Read this article in English at the Webride blog: Webride Usability: The Personas Model.

Nutzerorientierung ist toll. Sie hat aber auch ihre Tücken. Beispielsweise konzentriert man sich schnell auf die Nutzer, die man persönlich kennt. Oder die, die am aktivsten sind. Oder auf eine Idealfigur, die es in der Realität gar nicht gibt. Oder eine statistische Größe, die von allen Nutzern etwas hat, aber mit keinem mehr übereinstimmt. Oder man verlässt sich einfach auf seinen gesunden Menschenverstand. Um irgendwann festzustellen, dass echte Anwender ganz eigene Merkmale und Eigenschaften mit sich bringen. Oops.

Bei Webride haben wir uns gesagt: »Toll, wir kennen einige unserer User.« Aber eben nur einige – und die gehören mehrheitlich zur Gruppe der »Early Adopters« aka Geeks. Viele derer, die sich registriert haben, haben noch nie ein Posting geschweige denn einen Kommentar von sich gegeben. Viele derer, die Webride als Zielgruppe anvisiert hat, gehören auch dazu. Und schließlich: Hey, Webride ist gerade einen Monat online.

Um sich »Nutzerorientierung« nicht nur auf die Fahnen zu schreiben, sollte man also seine Nutzer kennen. Eine Methode, die uns unseren Anwendern näher bringt, ist die Erstellung von »Personas«. Dieses Modell hat die UID-Koryphäe Alan Cooper 1983 während seiner täglichen Mittags-Spaziergänge erfunden (»while my computer chugged away compiling the source code«) und in den Neunzigern weiter entwickelt.

Zielgruppe vs. echte Nutzer

Personas sind Nutzer-Archetypen. Personas helfen allen Projektbeteiligten, vom Entwickler und Designer über das Projektmanagement und Marketing bis hin zur Geschäftsführung. Kurz gesagt helfen sie dabei, eine detailliertere Vorstellung davon zu haben, für wen konkret man eigentlich eine Applikation entwickelt. Diese Vorstellung, die Kenntnis seiner Nutzer, ist eine Voraussetzung sowohl für die effiziente Entwicklung als auch den Erfolg eines Produkts.

Ohne Personas kommt man recht schnell in die Verlegenheit, zwar seine Zielgruppen beschreiben zu können, hinterher jedoch keineswegs schlauer zu sein darüber, wer eigentlich die echten Nutzer sind. Die Falle schnappt schnell zu: Entweder man konzentriert sich schnell auf die, die am aktivsten sind (um im Community-Beispiel zu bleiben): Blöderweise sind das in der Regel selten mehr als fünf Prozent. Oder man konzentriert sich auf eine möglichst breite, anonyme Gruppe: Eine klasse Entscheidung, wenn man möglichst sicher »am Markt« vorbei entwickeln will (mal von Accessibility-Aspekten abgesehen).

Wesentlich einfacher, effizienter und erfolgversprechender ist es, stattdessen nur für gezielt wenige Personen zu entwickeln (und so tatsächlich eine breite Gruppe zu erreichen). Hier setzen Personas an.

Was würde wohl mein Dad dazu sagen?

Arash Yalpani setzt dieses Modell intuitiv schon seit langem ein. Im Rahmen eines Projektes erklärte er mir im Sommer 2005: »Usability ist für mich extrem wichtig, mir steht jedoch kein teures Usability-Lab zur Verfügung. Ich helfe mir daher damit, dass ich mir vorstelle, mein Vater müsste mit meiner Anwendung arbeiten. Er kennt sich nicht gut aus mit dem Web; meine Schlussfolgerung lautet daher: Wenn mein Vater das bedienen kann, können andere das auch.«

Man kann sich das gut vorstellen: Wenn man hinter zwei Neunzehn-Zöllern verborgen eine Zeile Code nach der anderen in den Rechner hackt, holt einen eine einzige, kleine Frage schnell auf den Boden zurück: »Was würde wohl mein Dad dazu sagen?«

Personas sind, wie Arashs Dad, lebendig und bei der Entwicklung allgegenwärtig. Sie unterscheiden sich von Arashs Dad lediglich darin, dass sie:

  • tatsächlich den Nutzergruppen entsprechen (Dad gehört nicht zur Zielgruppe)
  • keine emotionale, sondern eine virtuelle Vergangenheit mit sich bringen
  • ein intensiveres Verständnis echter und relevanter Nutzerbedürfnisse erzeugen
  • konkrete Erwartungen an das Produkt haben, die von ihren Zielen genährt werden
  • auch beteiligten Personen ein konkretes Bild der Nutzer liefern

Personas gehen tiefer

Herkömmliche Zielgruppenbeschreibungen liefern lediglich Cluster von Merkmalen und Dimensionen. Sie berücksichtigen Statistiken, berechnete Nutzermeinungen und soziodemografische Aspekte. Tatsächlich können sie damit nur Gruppen umreißen. Personas gehen einen Schritt weiter, eine Dimension tiefer: Sie gewähren Einblick in psycho- und technografische Daten, Erwartungen, Ziele und Verhalten der Nutzer.

Und darin sind wir uns einig: Je mehr Wissen wir über Nutzungsszenarien und darüber haben, was unsere Nutzer von unserer Anwendung erwarten und sich von ihr wünschen, umso einfacher können wir für sie entwickeln. Denn die Applikation gehört unseren Nutzern. Niemandem sonst.

Personas helfen Webride bei der Entwicklung und scoreberlin beim Usability-Testing. In den kommenden Tagen stellen wir die drei virtuellen Personas von Webride im Einzelnen vor und fragen uns: Was würden wohl Daniel, Hanna und Alex von Webride halten?

Weitere Informationen zu Personas:

Dieser Artikel gehört zur Reihe »Usability2.0 für Webride.org«. Weitere Beiträge aus dieser Reihe:

Marcus Völkel | 25.06.06 | Usability 


 

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Kommentare

schöner beitrag. noch ein vorteil von personas ist, daß sie dabei helfen, daß für nutzerbedürfnisse entwickelt wird und nicht für nutzerwünsche. letztere führen oft in die falsche richtung oder zerfasern die entwicklung ("ihr solltet noch eine shoutbox einbauen, ihr solltet noch mehr icons anbieten, ihr solltet noch dies und jenes, cool wär auch noch x und y, wenn ihr foo habt, müßt ihr auch bar anbieten" etc.).

schrieb hannes am 25.06.2006 | 20:24


Genau das meine ich damit, wenn ich schreibe, dass Personas u.a. »ein intensiveres Verständnis echter und relevanter Nutzerbedürfnisse erzeugen«. Personas helfen dabei, diese Bedürfnisse einzugrenzen und zu priorisieren.

Zu diesem Thema gibt's einen schönen Beitrag von 37signals: Getting Real: Forget feature requests: »When you launch your products, customers will send you hundreds or thousands of feature requests. [...] How do you track all these requests? You don't. Read them and then throw them away. [...] So, ask for requests, read the requests, listen to your customers, and then forgot what they said. Let them remind you over and over and over again. That's how you find the real gaps in your product.«

schrieb Marcus Völkel am 25.06.2006 | 20:37


ah ja, the arrogance of the famous, die jungs vergessen dabei, daß nicht jeder app-entwickler hunderte und tausende von feature requests erhält und deshalb die filteroption einfach mal wegfällt. im ansatz haben sie aber sicher recht. so, muß jetzt fußball kucken :}

schrieb hannes am 25.06.2006 | 20:53


du schreibst hier über vorteile von personas. kannst du mir auch sagen, wann diese "herangehensweise" nicht geignet ist? sprich: nenne mir die schwächen...

schrieb mo am 02.07.2006 | 18:59


»mo«: Wo soll die Schwäche sein, sich Gedanken über die Ziele und Erwartungen seiner Nutzer zu machen? Nein, im Ernst: Es gibt einen großen Nachteil, nämlich dem Irrglauben aufzusitzen, dass man Personas mal eben nebenbei erstellen könnte. Der Vorteil kann hier schnell zum Nachteil werden: Dadurch, dass man sehr komplexe Nutzerstrukturen zu einer archetypischen, virtuellen Persona zusammenfasst, ist das Risiko groß, dass die Persona nicht mehr der tatsächlichen Nutzergruppe entspricht. Um dir selbst ein ausgewogenes Bild zu verschaffen, folge den im Beitrag angegebenen Links - dazu sind sie da ;)

schrieb Marcus Völkel am 02.07.2006 | 19:52


methoden/modelle, usw., die sich kluge köpfe "ausdenken" ist eine sache... was ich persönlcih spannend finde, warum man sich zu einer methode "bekennt" (finanzielle, persönliche, andere gründe). ich wollte wissen, wie DEINE meinung dazu ist.

in der psychologie z.b. wird seit langem versucht (siehe u.a. jungsche denkweise) die menschen-typen in "schubladen zu stecken". ich denke, das ähnliche erleben wir halt im netz. man versucht nach bestimmten labels (sprich: eigenschaften, usw. zu gruppieren). für mich ist das problem, dass wenn man webauftriitte (kompelxe / nicht komplexe) jeglicher art konzpiert, ist man selber im ideenfindung-prozess so drin, dass einem der überblick fehlt. oft ist es so, dass man sich zuerst etwas ausdenkt und dann testet / prüft... man erlebt aha-efekte, nachdem man die nutzer selber fragt. trotzdem fällt die repräsentivität der aussagen sehr schwer. man nähert sich eher der wahrheit. ;o)

schrieb mo am 03.07.2006 | 21:06


Ja, wir nennen das den »blinden Fleck«, was du ansprichst. Ich halte es für problematisch, wenn man seine Anwendung selbst Usability-testet; selbst relativ klare Ergebnisse werden dann gerne »schöngeredet«. Deshalb finde ich es wichtig, auf externe Dienstleister zu setzen. Wenn man mit deren Ergebnissen nicht übereinstimmt, kann man das in Workshops ausdiskutieren.

Ich bekenne mich nicht zu Methoden, sondern versuche, meine Kenntnis davon bestmöglich einzusetzen. Also auch mal methodisch kreativ bzw. pragmatisch zu sein, nicht stur den vorgegebenen Weg gehen.

Zu den Personas: Ich mag das Personas-Modell gerade deshalb, weil es eben nicht labelt und typologisiert. Meine Meinung ist, dass es Entwicklern überhaupt gar nichts bringt, wenn man ihnen anonyme »Zielgruppen« vorgibt oder sie dem »gesunden Menschenverstand« überlässt. Am effektivsten entwickelt man meiner Meinung nach dann, wenn man für sich selbst oder für Freunde entwickelt - und warum? Weil es sich dabei um Menschen handelt, die man kennt. Und genau das steckt hinter dem Personas-Modell, virtuelle Personen zu entwerfen, von denen man sich ein Bild machen und für die man entwickeln kann. Das fällt leichter, als für eine anonyme Gruppe zu arbeiten, deren inidviduelle Vertreter niemals so existieren, wie manche Marktforscher es uns glauben lassen wollen.

Ich nenne es das Personas-Prinzip: Wenn man für eine breite Gruppe entwickeln will, ist es einfacher und erfolgversprechender, gezielt für wenige Personen zu arbeiten als für eine anonyme Masse.

schrieb Marcus Völkel am 03.07.2006 | 22:37


 

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